Bildung vor Ausbildung?! Oder doch umgekehrt?

In Österreich war gestern Feiertag. Allerheiligen, ein Tag an dem man unter anderem auch Gelegenheit hat mit Familie und Verwandten zu diskutieren. Fast immer landen wir bei solchen Gesprächen früher oder später in der Schulzeit eines Diskussionsteilnehmers, oder das Nachbarskind von jemanden sucht gerade eine Lehrstelle oder was auch immer.

Meist dauern die Gespräche nicht sehr lange, bis jemand Sätze wie den folgenden einwirft: „Jetzt arbeite ich schon 15 Jahre in der Buchhaltung eines Konzerns, aber den Satz des Pythagoras habe ich wirklich noch nie gebraucht, ich verstehe nicht, warum ich mich in der Schule damit quälen musste.“ Fast jeder in der Runde kann sehr schnell viele Beispiele bringen, was er in seinem Leben alles lernen hat müssen, ohne jemals das gelernte fürs Leben gebraucht zu haben.

Besonders betroffen davon als unnötig abgestempelt zu werden, sind ganze Schulfächer, ja sogar ganze Zweige der Wissenschaft. In der heutigen Zeit wird es oft als sinnvoll erachtet Englisch zu lernen, aber Latein? Wer braucht das schon? Grundkompetenz in Lesen und Schreiben hat einen hohen Stellenwert, aber Literatur? Geschichte? oder gar Philiosophie oder Theologie? Wasbringt uns das? Wer verdient schon sein Geld mit Geisteswissenschaftlichen Kenntnissen? Das Wissen aus diesen Fächern ist nicht praxisnah und schon gar nicht im harten Wirtschaftsalltag verwertbar, also als Konsequenz daraus, könnte man sagen unnötig.

Während meiner Schulzeit, die nun auch schon vor mehr als 10 Jahren abgeschlossen wurde, war ich teilweise auch dieser Meinung. Doch je länger meine eigene Schulzeit zurückliegt, desto mehr bin ich ein Verfechter einer noch weiteren noch umfassenderen Bildung geworden. Warum?

Es ist verständlich, dass Personalmanager, Recruiter, nach den am besten, für den zu vergebenden Arbeitspaltz ausgebildeten Mitarbeiter Ausschau halten. Eine spezifische Fachausbildung ist gewünscht, und die ist noch am besten mit diversen zusätzlichen Zertifikaten belegt. Dieser Wunsch der Wirtschaft geht so weit, dass von Seiten der Wirtschaftstreibenden immer wieder medial getrommelt wird, dass die Ausbildung unserer Kinder und Jugendlichen praxisnaher werden müsse. Ja man fordert von Schulen, Fachhochschulen und Universitäten sogar ein, dass die Wirtschaftstreibenden mitreden dürfen was gelehrt werden soll.
Bis jetzt klingt das ja nicht so unvernünfitg, schließlich wollen alle nach der Ausbildung einen gut bezahlten Job.

Was bei dieser Argumentation aber immer übersehen wird ist, dass unser gesamtes Wirtschaftssystem im Fluß ist. Wie alles andere entwickeln sich auch Unternehmen weiter. Ja es wird sogar als Aufgabe von Unternehemen gesehen neue Produkte zu entwickeln und mit jedem neuen Produkt findet auch eine Weiterentwicklung des Unternehemens an sich statt.

Gehen wir von den heutigen Verhältnissen aus, dass wir ca. 40 bis 45 Jahre unseres Lebens berufstätig sind. Stellen wir diese Jahre der Berufstätigkeit nur den Entwicklungen der letzten 40 Jahre gegenüber. Wir werden sehr schnell erkennen was sich alles geändert hat. Nehmen wir die Entwicklungen in der EDV als Beispiel. Hätten diese Fortschritte erzielt werden können, wenn wir gesagt hätten, es reicht wenn unsere Kinder rechnen können, und höhere Mathematik überflüssig sei? Ich glaube diese Frage kann jeder für sich so beantworten, dass als gemeinsame Antwort nur herauskommen kann, nein nur Rechnen reicht nicht. Auch wenn es vor sagen wir einmal 50 Jahren noch für sehr viele Berufe gereicht hätte. Und natürlich es reicht auch heute noch für einige Berufe. Aber verbaut man sich, oder besser gesagt nicht seinen Kindern viele Chancen wenn man sie nicht an einer möglichst breiten Bildung teilhaben lässt?

Ich will hier nicht das humboldtschen Bildungsideal propagieren, aber ich sehe für die ganze Menschheit mehr Chancen, je mehr Bildung bei den Menschen ist. Das Leben ist nicht nur Wirtschaft und beruflicher Erfolg. Wir leben gerade in einer Zeit in der Themen der Genmaipulation, Klonen, usw. wissenschaftlich sehr weit fortgeschritten sind. Wollen wir uns diesen Dingen ganz ohne Philosophie nähern? Auch wenn ich mit Zwischenrufen aus der Katholischen Kirche, oder von Künstlern nicht immer d’accord gehe, aber in Manchen Fragen kann es für einen gesellschaftlichen Diskurs auch sehr gut sein sich der Fragestellung theologisch, oder künstlerisch anzunähern.

Ist es nicht so, dass der Teil der Menschen, die im Wirtschaftsleben stehen und auch auf Grund ihrer Ausbildung gutes Geld verdienen, das nur können, weil es auch Menschen gibt, die für ein friedliches Zusammenleben sorgen. Menschen die sich einfach Gedanken machen wie wir miteinander leben und umgehen sollen und zwar ohne an erster Stelle den wirtschaftlichen Erfolg zu sehen?

Noch einmal zurück zur Frage der Ausbildung. Ich halte eine gute fundierte Ausbildung für sehr wichtig, aber eben nur mit dem Zusatz, dass auch Bildung notwendig ist, denn ohne diese geht es nicht, konnte es auch nie gehen und wird es nie gehen.

fth

fth steht für Franz T. Hauser: ist Anfang 30 und lebt in der kleinen Oststeirischen Bezirksstadt Weiz. Er arbeitet freiberuflich an diversen Softwareprojekten und beschäftige mich nebenbei noch mit Dingen wie, "grünem" Lebensstil, guten Filmen, Politik und was sonst noch alles in seinem Gehirn herumgeistert ...

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